Mathematik und Vernunft  oder  Wenn der Diener zum Herrn gemacht wird

"Leibniz vor ca. 300 Jahren gleichzeitig mit seinem mathematischen Gottesbeweis das Modell (und damit die Grundlage heutiger Software) einer vollständig abstrahierten, digitalen Darstellung der Wirklichkeit entwickelte, warnte bereits Jonathan Swift zur gleichen Zeit in seiner brillanten Satire „Gullivers Reisen“ vor den Irrungen einer Kultur, die sich in den Absurditäten eigener abstrakter (geometrischer) Behauptungen verirrt. Die Beschreibung der mathematikversessenen Gesellschaft auf der fliegenden Insel Laputo und der dazugehörenden Akademie von Lagado entlarvt mit deutlicher Bissigkeit deren wirklichkeitsfremde Attitüde.

Die beziehungsunfähige Zerstreutheit seiner Bewohner inmitten einer vergewaltigten Natur könnte auch gut unsere Zeit beschreiben.

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Offensichtlich bietet eine abstrakt rationale Idee dem rein rationalen Denker mehr Trost, und das umso mehr, je ferner die Auswirkungen ihrer praktischen Umsetzung sind, unabhängig davon, ob sie diese Idee selbst als wissenschaftlich, spirituell, philosophisch oder digital bezeichnet. Auftretende Probleme und deren Lösung werden dann gern in die Zukunft verschoben, statt selbstkritisch eigene Ansätze und Behauptungen zu hinterfragen.

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Wenn Wissenschaft als geistige Erbin und Nachfolgerin alter Kulturen heute den „Schrott“ alter religiöser Ideologien in die Tonne tritt und sich ausschließlich an ein real materielles Geschehen hält, während sie gleichzeitig von Ausrottung der Krankheiten und der Unsterblichkeit träumt, ist ihr kaum bewusst, dass alle Vorgängerinnen das Gleiche versuchten. Alle waren und sind der Versuch des stets unruhigen rationalen Verstandes händeringend das „materielle“ Programm des Lebens zu finden, statt sich darauf ganzheitlich lebendig einzulassen.

 

Vom jüngsten Gericht mit der Auferstehung der Toten, der korrekten Einbalsamierung Gestorbener incl. Der richtigen Rituale und Aufbewahrung usw., ist es nur ein kleiner Schritt bis zum Einfrieren von Toten bei der Kryo-Technik, das sich zukünftige wissenschaftliche Fortschritte erträumt, und hin zu dem Traum heutiger Bioinformatiker, die alles Leben auf eine Doppelhelix reduzieren. All diese Träume sind aus purer Rationalität entstandene Religionen, was man an ihrer Methodik und Empfindlichkeit gegenüber Kritik erkennt.

 

Wenn also die heutige Bioinformatik durch Fehldeutungen der 1950er Jahre in eine selbst gestellte, quasi religiöse Falle geraten ist, indem sie das Erbgut für die alleinige Ursache des Lebens behauptet, statt als eine Erscheinung des Lebens zu erkennen, hat sie sich aber aktuell so weit aus der Wissenschaft entfernt, dass sie als Religion bezeichnet werden muss: Ihr Gott ist die DNA, die durch zufällige Anordnungen von ursprünglich leblosen Aminosäuren inmitten einer wüsten Erde und einem kräftigen Blitz* das Leben erschuf, und ihre Priester, die sich Doktor und Professor nennen, kennen die Geheimnisse durch „Verbesserung“ dieser Zufälligkeiten, um dem bis dato leidenden Menschen perfekte Gesundheit und die Unsterblichkeit zu schenken und überhaupt den drohenden Weltuntergang durch Verbesserung seiner Landwirtschaft und den ständig drohenden Pandemien wegen unhygienischer Zustände in der natürlichen Natur mit medizinischen Mitteln zu erretten.

Sie haben ihre glaubensfesten Gotteskrieger und Märtyrer und wollen die Menschheit retten.

Wie jede andere Religion hat sie – Gottseidank – die Gefahr eines bevorstehenden Weltuntergangs entdeckt und kennt – Gottseidank – die Mittel zu seiner Abwendung, vorausgesetzt die sündigen Menschen halten sich an ihre Anweisungen.

Amen.

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Keine bisherige Religion oder Ideologie ist je aufgrund eigener selbstkritischer Einsichten verschwunden. Sie halten sich alle hartnäckig. Und es wäre vergebens zu hoffen, dass einem Ayatollah, Papst, Evangelikalen oder sonstigen Verschwörungstheoretikern* kritische

Argumente einleuchten.

 

* Das Gut-Böse-Schema als Kristallisationskeim jeder Verschwörungstheorie ist auch bei jeder Religion und Ideologie zu finden. Es macht letztlich den Kern jeder Religion und Ideologie aus, denn mit dem Glauben an diesen Gut- Böse-Kern als Basis übernimmt der Gläubige den Zweifel und Verdacht, dass Teile der Welt und Teile in ihm selbst böse und unheilvoll sind. Mit der Vorverurteilung und Abspaltung von Teilen der Realität wird aber eine ganzheitliche Erfassung und Erfahrung der Existenz verhindert.

 

So wird uns wohl auch die Bioinformatikreligion, die eigentlich eine Verschwörungstheorie fehlgelaufener Ratio ist, wie auch alle anderen Ideologien noch lange erhalten bleiben. Man könnte sagen, die tun nix, sie wollen nur (mit ihrem Computer) spielen.

 

Aber wir sollten auf der Errungenschaft bestehen, Staat und Religion zu trennen."

 


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Wenn der Diener zum Herrn gemacht wird
Hier werden die Ursachen beschrieben, die dazu führen, dass große Teile der Wissenschaft, sich zu einer Gut-Böse-Religion entwickelt haben, die nicht mehr hinterfragt werden darf, sondern geglaubt werden muss.
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